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zeitlos, elegant und eine einladung zum innehalten.

suvretta house,
st. moritz


Oberhalb von St. Moritz liegt das Suvretta House – ein Grandhotel wie gemacht für die Inszenierung unserer Modestrecke. Und ein Ort, der die Frage beantwortet, was wahren Luxus ausmacht.

Die letzte Kurve ist die beste. Man verlässt die Hauptstraße, lässt St. Moritz mit seinen Schaufenstern und seinem Verkehr hinter sich und fährt zwei Kilometer bergauf, an Tannen, Lärchen und einer kleinen Kapelle vorbei, immer weiter, bis man denkt, man habe sich verfahren. Dann öffnet sich der Wald, und da steht es mit seinen Türmchen und Erkern und einer Dachlandschaft wie ein Schloss, das jemand versehentlich im Gebirge vergessen hat. Suvretta. Das Haus über dem Wald. Es ist halb sechs an einem Tag Mitte Oktober, und das Licht macht hier oben, was es im Engadiner Herbst eben macht: Es legt sich über die Hänge und verwandelt jede Tanne in eine Kerze. Die Berge gegenüber sind schon blau, das Haus ist noch golden.

Ein freundlicher Mann nimmt mir den Koffer aus der Hand, noch bevor ich entschieden habe, ob ich ihn hergeben will. Es ist die erste von vielen kleinen Entscheidungen, die mir in den nächsten Tagen abgenommen werden – und es ist, das nur der Vollständigkeit halber, sehr angenehm. Ich erinnere mich wieder, warum ich Grandhotels so mag. Weil der Service so aufmerksam ist, dass man manche Frage gar nicht erst formulieren muss. Weil die Teppiche so voluminös sind, dass sie jeden Schritt schlucken. Weil die Ruhe und Atmosphäre einen sofort entspannen. Und falls man ein besonders schwerer Fall von Anspannung sein sollte, dann zieht einem spätestens die Rotlichtlampe, die in der Badezimmerdecke eingebaut ist, den Stecker und man legt eine Pause ein.

In der Halle fällt mir zuerst etwas auf, was nicht da ist: Musik. Keine Playlist, kein Lounge-Geplätscher, kein diskreter Bass. Stattdessen hört man das Geräusch, das ein Sessel macht, wenn sich jemand hineinsetzt, leise klimpernd wird eine Kaffeetasse abgestellt. Der Rest ist Gespräch, halblaut, mehrsprachig. Es klingt wie ein Wartesaal für Leute, die auf nichts warten. Was ich sofort spüre: Es ist ein ganz besonderes Haus an einem besonderen Ort. Wer sich die Geschichte des Suvretta House anlesen will, muss ein Jahrhundert zurück in der Zeit reisen. 1911 hatte der Hotelpionier Anton Bon eine Vision: Er träumte von einem Grandhotel in den Bergen, das anders ist, als alle anderen: Nicht im Ort, sondern über dem Ort. Nicht mitten im Betrieb, sondern in Ruhe. Das war damals riskant, weil ein Hotel ohne Promenade schwer zu erklären war. Heute ist es ein Geschäftsmodell.

Zusammen mit dem Schweizer Architekten Karl Koller setzte er seine Vision in die Tat um. Das Grand Hotel Suvretta House wurde am 16. Dezember 1912 eröffnet. Seit mehr als 100 Jahren wird das Suvretta House von der Familie Candrian-Bon behutsam in die Zukunft geführt. Sieben Generationen von Hoteliers haben das Suvretta House seitdem geführt. Sieben Generationen von Gastgebern. Man kann das für Nostalgie halten oder aber als Erklärung dafür sehen, dass hier nichts nach Konzern aussieht: Es gibt nicht alle zwei Jahre ein neues Farbkonzept, einen Tresen aus Terrazzo oder salbeifarbene Wände, weil es gerade in ist. Wäre altes Geld ein Hotel, dann wäre es das Suvretta House.

Am nächsten Morgen ist es kalt im Schatten und heiß in der Sonne, und man versteht innerhalb einer Viertelstunde, warum Europäer vor vielen Jahren beschlossen haben, dass dieses Tal ihnen guttut. Über Weihnachten, das erfahre ich, sind fast ausschließlich Stammgäste im Haus. Man muss einen Aufenthalt von mindestens zwei Wochen buchen – eine Regel, die anderswo betriebswirtschaftlicher Selbstmord wäre, funktioniert hier wie ein Türsteher: Wer nur mal kurz reinschauen will, um ein Foto zu machen, kommt gar nicht erst. Es ist eine Form des Luxus, die sich nicht kaufen lässt: Zeit, die man hier schon verbracht hat und eine Verbindung, die man zu den Gastgebern aufgebaut hat. Am frühen Abend habe ich zwei Stunden Zeit und schlüpfe schnell in den Hotelbademantel.

Dann begebe ich mich ins Spa, das seit Dezember 2025 neu ist: 4.670 Quadratmeter auf drei Ebenen, Pilates-Studio, Behandlungsräume, Rotlichtsauna, Kältebecken im Atrium und vieles, vieles mehr. So schön ein altes Grandhotel ist, so schön ist eben auch ein neues Spa. Ich schwimme meine Bahnen und schaue dabei auf die Berge. Auf einem Gipfel in der Ferne liegt ein kleines bisschen Schnee. Der Außenpool dampft in der kühlen Abendluft. Es ist leer, die meisten Menschen machen sich schon für das Abendessen fein. Den ganzen Tag über habe ich an 28 Dinge gleichzeitig gedacht, das fällt das Abschalten manchmal nicht leicht, hier aber geht es erstaunlich schnell.
Zum Dinner im Grand Restaurant zieht man sich um. 25 Meter lang ist der Saal, kassettierte Eichendecke, Platz für 200 Personen. Wer ohne Krawatte kommt, wird sich eine beim Concierge ausleihen müssen. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass das Essen sehr fein ist. Dann fällt mir etwas an den Uniformen auf: kleine Sterne am Revers. Ein Stern für zehn Saisons. Ein Kellner trägt fünf goldene. 50 Saisons. Er hat die Enkel der Gäste bedient, die er bereits als Kinder erlebt hat. Am nächsten Morgen reisen wir um 6 Uhr ab und werden so verabschiedet, wie wir empfangen wurden: umsorgt. Der Kaffee to go steht bereit für die Fahrt, dazu eine Papiertüte mit Proviant. Aufmerksam. Ich frage nach nichts, bedanke mich und während wir über die Serpentinen in Richtung Mailand kurven, versuche ich mir vorzustellen, wie ich sie im Winter wieder bergauf fahre.

Datum

22. Oktober 2026

Autor

Anne Haladin




Rubrik
Culture
Datum
22. Oktober 2026
Autor
Anne Haladin
zeitlos, elegant und eine einladung zum innehalten.

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Oberhalb von St. Moritz liegt das Suvretta House – ein Grandhotel wie gemacht für die Inszenierung unserer Modestrecke. Und ein Ort, der die Frage beantwortet, was wahren Luxus ausmacht.

Die letzte Kurve ist die beste. Man verlässt die Hauptstraße, lässt St. Moritz mit seinen Schaufenstern und seinem Verkehr hinter sich und fährt zwei Kilometer bergauf, an Tannen, Lärchen und einer kleinen Kapelle vorbei, immer weiter, bis man denkt, man habe sich verfahren. Dann öffnet sich der Wald, und da steht es mit seinen Türmchen und Erkern und einer Dachlandschaft wie ein Schloss, das jemand versehentlich im Gebirge vergessen hat. Suvretta. Das Haus über dem Wald. Es ist halb sechs an einem Tag Mitte Oktober, und das Licht macht hier oben, was es im Engadiner Herbst eben macht: Es legt sich über die Hänge und verwandelt jede Tanne in eine Kerze. Die Berge gegenüber sind schon blau, das Haus ist noch golden. Ein freundlicher Mann nimmt mir den Koffer aus der Hand, noch bevor ich entschieden habe, ob ich ihn hergeben will. Es ist die erste von vielen kleinen Entscheidungen, die mir in den nächsten Tagen abgenommen werden – und es ist, das nur der Vollständigkeit halber, sehr angenehm. Ich erinnere mich wieder, warum ich Grandhotels so mag. Weil der Service so aufmerksam ist, dass man manche Frage gar nicht erst formulieren muss. Weil die Teppiche so voluminös sind, dass sie jeden Schritt schlucken. Weil die Ruhe und Atmosphäre einen sofort entspannen. Und falls man ein besonders schwerer Fall von Anspannung sein sollte, dann zieht einem spätestens die Rotlichtlampe, die in der Badezimmerdecke eingebaut ist, den Stecker und man legt eine Pause ein. In der Halle fällt mir zuerst etwas auf, was nicht da ist: Musik. Keine Playlist, kein Lounge-Geplätscher, kein diskreter Bass. Stattdessen hört man das Geräusch, das ein Sessel macht, wenn sich jemand hineinsetzt, leise klimpernd wird eine Kaffeetasse abgestellt. Der Rest ist Gespräch, halblaut, mehrsprachig. Es klingt wie ein Wartesaal für Leute, die auf nichts warten. Was ich sofort spüre: Es ist ein ganz besonderes Haus an einem besonderen Ort. Wer sich die Geschichte des Suvretta House anlesen will, muss ein Jahrhundert zurück in der Zeit reisen. 1911 hatte der Hotelpionier Anton Bon eine Vision: Er träumte von einem Grandhotel in den Bergen, das anders ist, als alle anderen: Nicht im Ort, sondern über dem Ort. Nicht mitten im Betrieb, sondern in Ruhe. Das war damals riskant, weil ein Hotel ohne Promenade schwer zu erklären war. Heute ist es ein Geschäftsmodell.
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